Eine moderate Unruhe kommt allenfalls auf, wenn wieder einmal ein Computerschädling Unheil anrichtet, wie dieser Tage beim TV-Sender CNN. Das Credo lautet: Das Netz ist ein Werkzeug.
Was würde wohl John Martinkus dazu sagen?
Letzten Oktober entführten Terroristen im Irak den australischen Reporter. Martinkus versuchte ihnen verzweifelt klar zu machen, dass er kein CIA-Agent ist. Endlich ging einer der Gotteskrieger zu seinem Laptop, wählte sich ins Internet und gab bei Google «Martinkus» ein. «Sie sahen auf einer Webseite, dass er Australier ist», erzählte sein Chef später der BBC. Wenige Stunden darauf wurde Martinkus freigelassen.
Milliardster Nutzer geht online
Das kommerzielle Internet wird dieser Tage zehn Jahre alt. Nach Schätzungen von Morgan Stanley geht Ende September der milliardste Internetnutzer online. Die Mullahs googeln, der Papst sendet Enzykliken per E-Mail, die US-Armee zeigt im Internet Livebilder von der Front im Irak-Krieg, und Osama Bin Laden baut sein Terrorlabel al-Qaida fast ausschliesslich über Webseiten auf.
Wie sehr das Netz unseren Alltag verändert hat, ist uns kaum bewusst auch nicht, wie sehr wir uns darin verstrickt haben. Letztes Jahr fielen in den Spitälern von Schweden und Hongkong gleichzeitig die Röntgengeräte aus, Minuten nachdem in Deutschland der 18-jährige Sven von seinem Kinderzimmer aus den Computerwurm Sasser entfesselt hatte. In London blieben die Flugzeuge stehen, in Finnland und Taiwan standen die Menschen stundenlang Schlange vor den Banken.
Stille Revolution
Als acht Monate später ein Tsunami zehntausend Kilometer Küste des Indischen Ozeans verwüstete, brachten erst die Foren und Suchseiten des Internets Tausende Überlebende mit ihren Angehörigen zusammen. «Beim 11. September schauten noch alle Fernsehen», sagt Spiegel-Online-Chef Mathias Müller von Blumencron. «Beim Tsunami fand sich die Menschheit auf dem Internet wieder.»
Wer sich die stille Revolution vor Augen führen will, braucht sich nur zu erinnern, wie sein Alltag vor der Online-Ära aussah. Für jede Einzahlung musste man zum Bankschalter. Zugverbindungen suchte man im dicken SBB-Kursbuch. Wohnungen, Autos und Jobs fand man nur in der Zeitung.
Und heute?
Jeder sechste Schweizer Internetnutzer hat schon einmal eine Liebesbeziehung begonnen mit jemandem, den er im Internet getroffen hat. Laut einer britischen Umfrage prüfen 62 Prozent der Nutzer ihre E-Mails auch am Feier abend und in den Ferien. In den USA schläft der durchschnittliche Internetnutzer 25 Minuten weniger als früher und verbringt pro Tag 70 Minuten weniger mit seiner Familie.
Trotz des Dotcom-Schocks im Jahr 2002 haben wir kaum mehr Hemmungen, unser Geld mit Online-Banking zu verwalten und es im Internet auszugeben. Laut Hochrechnung der AG für Werbemedienforschung (Wemf) haben in der Deutschschweiz bereits fast zwei Millionen Menschen mindestens einmal via Internet etwas eingekauft.
Millionen von Arbeitsplätzen nach Asien verlegt
Im vergangenen Jahr ist weltweit für 295 Milliarden Dollar online eingekauft worden, wie die Londoner «Financial Times» berichtete; für dieses Jahr wird mit einem Zuwachs von 38 Prozent gerechnet. Allein auf dem Netzflohmarkt Ebay kauften die Surfer Güter im Wert von 34 Milliarden Dollar. Das entspricht dem Bruttoinlandprodukt Kenyas. Die Mitgliedschaft von Yahoo ist inzwischen grösser als die Bevölkerung der USA. Ganze Industriezweige wie die Buch-, Musik- oder die Filmbranche sind massiv unter Druck geraten durch einen beispiellosen Run auf legale und illegale Angebote von Filmen, MP3-Songs oder Bücher im Netz.
Das Internet ist nicht nur zum Wirtschaftsfaktor geworden, sondern zum eigentlichen Nervensystem der Globalisierung wie einst das Radio, das im 20. Jahrhundert der Welt die Moderne brachte. «Ohne Internet könnten multinationale Firmen ihre Standorte nicht in dem Umfang verlagern, wie es heute der Fall ist», sagt der Ökonom und Spezialist für Internetwirtschaft Pascal Sieber.
Hierarchien aufbrechen
Dank E-Mail und moderner Kommunikation konnten westliche Firmen Millionen Arbeitsplätze nach Asien verlegen. Das ist einer der wesentlichen Gründe für den Boom in China und Indien, der das globale strategische Gleichgewicht verändert.
Mittlerweile gibt es Philosophen, die das Web bereits als Ursache einer globalen Demokratisierungswelle sehen. Der ungehinderte Fluss von Bild, Ton und Text von Mensch zu Mensch über den ganzen Planeten kann jahrhundertealte Hierarchien aufbrechen. Die US-Regierung hat davon einen Vorgeschmack bekommen, als trotz Zensur via Internet Folterbilder aus den US-Gefängnissen im Irak an die Öffentlichkeit kamen. Auch in China werden die anarchischen Kräfte der Datennetze früher oder später die Zensur unterwandern.
«Das Ganze ist eigentlich ein riesiger Müllhaufen»
Allen historischen Umwälzungen zum Trotz erlebt der Otto-Normal-Surfer den Cyberspace als ein gigantisches Chaos. Würde man die Informationsmenge des World Wide Web ausdrucken, bräuchte man dafür 50 Billionen A4-Seiten. Das ist ein Papierstapel, der 13- mal zum Mond reicht. Dabei sind die 600 000 E-Mails, die pro Sekunde um den Globus huschen, nicht eingerechnet. Die Datenleitungen, die das alles verbreiten, schlängeln sich mittlerweile auf dem Grund des Pazifiks, gehen mitten durch den brasilianischen Dschungel und reichen bis zum Basislager des Mount Everest.
«Das Ganze», sagte der Philosoph und Computerkritiker Joseph Weizenbaum, «ist eigentlich ein riesiger Müllhaufen.» Jede zweite E-Mail transportiert lästige Werbung. Das Web überquillt an Nutzlosem, Widerlichem und Gefährlichem. Angesichts der Informationsflut forderte der inzwischen verstorbene Netzwerkpionier Wau Holland, im Schulunterricht müssten die Grundfertigkeiten Lesen, Schreiben und Rechnen ergänzt werden mit dem «Filtern». Sonst seien unsere Kinder nicht mehr in der Lage, sich in der Informationswelt von morgen zurechtzufinden.
Selbst unser Leseverhalten wird vom Internet verändert. Laut einer Studie in Deutschland nahm zwischen 1992 und 2000 das so genannte Lese-Zapping stark zu. Unter Jugendlichen stieg der Anteil der Lese-Zapper von 11 auf 31 Prozent. Sie lesen keine längeren Texte mehr, überfliegen die Seiten «manchmal» und lesen darauf «nur das Interessanteste». Die Lektüre ist ständig unterbrochen und bleibt an der Oberfläche.
Suchmaschinen als wichtigstes Zugangstor zur Medienwelt
Auch die Zukunft wird uns keine Atempause gönnen. Die Datenströme werden zunehmend auf Funknetze abwandern. Mobile Laptops und Handys werden den PC als das Hauptzugangsgerät zum Web ablösen.
Gleichzeitig wird das Internet seine Konkurrenzmedien verschlingen. Bereits im Gang ist die Verlagerung von Telefon, Musik und Radio auf Datenleitungen. Mit schnelleren Breitbandanschlüssen werden im kommenden Jahr Video und Fernsehen dazukommen. Schliesslich werden sich auch Zeitungen und Bücher dem Sog nicht mehr entziehen können.
Parallel entwickeln sich die Suchmaschinen zum wichtigsten Zugangstor in diese Medienwelt. «Unser Hauptkonkurrent der Zukunft ist die Suchmaschine», sagte letzte Woche Mathias Döpfner, Chef des neuen Medienimperiums von Springer und ProSiebenSat1.
Explosives Wachstum
Das explosive Wachstum des Internets in der letzten Dekade war bestimmt revolutionär. In einem Punkt unterscheidet es sich aber kaum von allen Medien, die es seit der Erfindung der Schrift gegeben hat: Nur die Elite der Menschheit hat darauf Zugriff. 80 Prozent bleiben draussen.
Copyright © 2005, SonntagsZeitung vom 21. August 2005
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